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„Der Zeitungskiosk ums Eck? Heißt derzeit Facebook oder Google.“


Newsadoo Gründer David Böhm zur aktuellen Diskussion rund um Leistungsschutzrecht, Facebook-Machtdemonstrationen in Australien, und weitere brisante Branchenthemen.


Der gute, alte Presse-Grosso. Alle Verlage arbeiten oder arbeiteten mit denselben Grossisten, deren Aufgabe es ist bzw. war, die Zeitungen und Zeitschriften im Handel zu platzieren, damit Leser sie kaufen können. Der Grossist kümmert sich um die Logistik, das Vertriebsnetzwerk im Einzelhandel, und die Abrechnung. Die Verlage bezahlen für die Dienstleistung, damit sie relativ kostengünstig, gut und breit platziert sind. Im Kiosk üblich: ein Heft liegt neben dem anderen, ein Zeitungsstapel neben dem nächsten. Sowohl der Handel als auch der Grossist erhalten einen signifikanten Anteil am Umsatz, der durch den Verkauf der Publikationen erzielt wird. Alles ganz normal. Über Jahrzehnte.


Welche Zeitung hatte Überlegungen wie: Nein, wir wollen die Umsätze nicht teilen, künftig sollen sich die Leser ihre Zeitung direkt bei uns am Verlagsstandort abholen! Oder: Wir wollen nicht neben diesen ganzen anderen Publikationen aufliegen – unsere Marke ist die wichtigste, und diese braucht Exklusivität! Also bauen wir exklusive Flagship-Kioske, wo es nur unser eigenes Medium zu kaufen gibt. Niemand kam auf diese Ideen. Weil es keinen Sinn macht. Genau diese Fantasien werden heutzutage in Verlagen jedoch immer öfter diskutiert. Exklusivität der eigenen Brand. Nur die eigenen Kanäle bedienen. Eigene Systeme. Und bestehende Vehikel für die digitale Verbreitung tendenziell schlechtreden.





Der neue Weg


Der digitale Presse-Grosso floriert. Nur: Er funktioniert anders. Und es sind andere Player, die ihn still und leise aufgebaut haben. Google und Facebook, wer sonst? Doch der Unterschied ist signifikant: Nein, sie nehmen kein Geld von den Verlagen. Sie kümmern sich meist auch (noch) nicht um die Abwicklung eines Digital-Abonnements. Sie liefern einfach frei Haus und kostenlos. Und als findige Unternehmer haben sie andere Mittel und Wege aufgetan, diese Dienstleistung zu monetarisieren: Werbung.


Aber wer würde es dem Trafikanten vorwerfen, dass er sich an den Kunden, die Zeitungen kaufen wollen, bereichert? Weil diese nicht nur die Zeitung kaufen, sondern oft auch noch Zigaretten und vielleicht einen Lotto-Schein? Sollte er dafür nicht an die Verlage eine Fee überweisen? Das wäre wohl grotesk. Im Digitalen läuft es aber darauf hinaus. Google und Facebook sollen von ihren Werbe-Erlösen Anteile an die Verlage abliefern, obwohl diese bereits durch massenhaft Traffic zum Nulltarif profitieren.


Natürlich ist das jetzt überspitzt ausgedrückt. Und natürlich hat ein Leistungsschutzrecht, das dem Urheber die Möglichkeit gibt, darüber zu entscheiden, ob und wo Teile seines Contents gewinnbringend verwertet werden, eine Berechtigung. Es ist sogar ein notwendiges Werkzeug für die Zukunft der Verlage. Ich bin ein klarer Befürworter. Die Beziehung, die die Verlage mit Google und Facebook haben, sehe ich seit Jahren als sehr gefährlich an. Wegen der schleichenden Abhängigkeit, die über die vergangenen Jahre stetig gewachsen ist. Die Google-Facebook-Diskussion ist in der Branche somit existentiell wichtig. Sie sollte aber auch ehrlich geführt werden.


Google und Facebook sind nicht schuld daran, dass die Verlage seit Jahren völlig übersehen haben, dass sie sich im digitalen Bereich mit Haut und Haar ausgeliefert haben. Man könnte sagen, die ganze Branche ist vor Jahren digital falsch abgebogen, und macht den Grundbesitzer der Sackgasse dafür verantwortlich, dass es hier nicht weitergeht.


Google, Facebook, die Medien - und die User


Es ist falsch, wenn regionale und nationale Verlage untereinander ihre Rivalität ausleben – die wahren Konkurrenten sind mittlerweile in Amerika zuhause. Es ist Unsinn, wenn jeder Verlag seine eigene Technologie entwickelt, Apps betreibt, Paywalls einführt und Unmengen an Geld dafür ausgibt, um Systeme zu entwickeln, die so funktionieren, wie der Verlag gerne möchte, dass User auf den Verlagscontent zugreifen. Es geht nicht um die Verlage. Es geht um keinen Selbstzweck. Es geht um die User – die Menschen. Die wollen unterhalten werden, sie wollen informiert werden, sie wollen begeistert werden. Google, Facebook und weitere Tech-Unternehmen aus Amerika machen das jeden Tag vor. Sie richten Ihre Produkte konsequent an den Bedürfnissen der User aus. In der Zwischenzeit wird in Europa über gesetzliche Regelungen debattiert, um die besten Technologien und Lösungen verbannen oder einschränken zu können, anstatt selber bessere zu entwickeln.


Gemeinsame Sache


Aus unserer Sicht ist die Lösung einfach und klar: Wir brauchen einen eigenen, digitalen, europäischen Pressegrosso. Einen, der sich aber weniger nach den Bedürfnissen der Verlage richtet, sondern nach den Usern. Es muss Google und Facebook aus den Schuhen hauen, und die User einfach nur begeistern. Es muss offensiv vorwärtsgehen. Innovativ, mutig und vor allem gemeinsam! Gemeinsame Interessen mit gebündelter Kraft verfolgen. Nicht im Lobbying, sondern im Bereich Technologie und Innovation.





Wir arbeiten seit 2017 daran, dass diese Vision Wirklichkeit wird. Obwohl viele Verlage bis heute ausschließen, im großen Stil gemeinsame Sache machen zu wollen. Was nichts Neues wäre. Im Presse-Grosso war es immer schon so. Und auf Google? Auf Facebook? Sind hier nicht auch alle gemeinsam vertreten? Wir haben eine Technologie entwickelt, die international führend ist, und das Potential hat, Systeme wie Google News in Europa zu überholen. Wir entwickeln Funktionen, die den User in den Mittelpunkt stellen, ihn begeistern und lange im System halten werden. Im Hintergrund basiert alles auf Daten. Die Monetarisierungs-Möglichkeiten sind plausibel und vielfältig. Und über allem steht immer das Ziel, dass wir ein System aufbauen, das für die Publisher funktioniert, das ihnen im Optimalfall am Ende sogar gehört.


Ich bin zwar wie fast alle derzeit meist im Homeoffice, dafür bin ich umso leichter für persönliche Diskussionen zu erreichen. Ich freue mich über Gegenargumente, und noch mehr, wenn wir am Ende einen gemeinsamen Weg finden, wie wir die Unabhängigkeit und Vielfältigkeit der europäischen Verlage langfristig sichern und stärken können. Darin liegt mein Antrieb.


Beste Grüße,

David Böhm


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